Schmerz ist mehr als ein Signal
Viele stellen sich Schmerz wie eine Alarmanlage vor: Gewebe wird verletzt, Nerven melden das an das Gehirn, und wir empfinden Schmerz. Doch so einfach ist es nicht. Schmerz ist kein reines Symptom, sondern ein funktionelles Geschehen – beeinflusst von Körper, Psyche und sozialem Umfeld. Das einfache Ursache-Wirkung-Prinzip greift hier nicht mehr.
Bild: ©Wellcome Collection
Wenn Befunde nicht alles erklären
Bis zu 70 % der Beschwerden in der Allgemeinmedizin¹ lassen sich nicht ausreichend durch körperliche Befunde erklären. Das bedeutet: Schmerzen sind nicht allein von Gewebe oder Organen abhängig, sondern werden von vielen Faktoren „mitgeschrieben“.
Gefühle, Erfahrungen, Einstellungen
Neueste Forschung zeigt, dass Schmerz schon vorbewusst moduliert wird – noch bevor wir ihn tatsächlich wahrnehmen. Gefühle, Erfahrungen und Einstellungen wirken wie Filter. Besonders negativ wirken sich zum Beispiel aus:
- individuelle Unzufriedenheit (Arbeitsplatz, Beziehung, …)
- Ängste
- mangelnde Anerkennung
Das erklärt, warum zwei Menschen bei derselben Verletzung völlig unterschiedliche Schmerzverläufe haben können.
Im Fokus steht die Person, nicht allein der Befund
Wenn Schmerz so komplex ist, darf sich die Medizin nicht nur auf Symptome fokussieren. In der modernen Schmerztherapie geht es darum, den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen – nicht nur einzelne Befunde oder Werte.
Darum setzen wir auf interdisziplinäre Zusammenarbeit: Ärzt:innen, Psycholog:innen, Physiotherapeut:innen, Biofeedback-Expert:innen und andere Berufsgruppen bringen ihre Sichtweisen ein – von der Diagnostik bis zur Therapie.
Den Blick nach vorne richten
Ein wichtiger Teil der Therapie ist, belastende Erfahrungen oder aktuelle Schwierigkeiten aufzugreifen – und gleichzeitig zu vermitteln, dass es im Hier und Jetzt Möglichkeiten gibt, die Situation zu verändern. So entsteht ein Weg, der nicht zurück, sondern nach vorne führt – Schritt für Schritt.
Auf den Punkt gebracht: Schmerz ist nie nur ein Signal aus dem Körper. Er ist ein dynamisches, funktionelles Geschehen, das von vielen Seiten geprägt wird. Deshalb braucht es immer ein umfassendes, interdisziplinäres Verständnis – und die klare Botschaft: Es gibt Wege, den eigenen Schmerz zu beeinflussen.
Quellen:
¹ Henningsen P, Zipfel S, Herzog W. Management of functional somatic syndromes. Lancet. 2007;369(9565):946–955
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